Überraschende Effekte

Medikamente können recht ungewöhnliche Nebenwirkungen aufweisen. Einige lassen sich vorteilhaft nutzen

So mancher, der sich von dem Mittel eine ruhige Nacht verspricht, erlebt das genaue Gegenteil: Spazierfahrten bei Mondschein, späte Fressattacken und heiße Liebesnächte gehören zum „Nebenwirkungsprofil“ von Zolpidem, einem häufig verschriebenen Schlafmittel. Seit einigen Jahren registrieren Experten seltene Fälle „komplexen Schlafverhaltens“ bei Einnahme des Medikaments: Statt anschließend friedlich zu schlummern, wandeln Patienten im Schlaf, führen dabei mitunter abenteuerliche Aktionen durch – und wissen am nächsten Tag nichts mehr davon.

Ungewöhnliche Wirkungen

„Solch paradoxe Effekte von Schlaf- und Beruhigungsmitteln treten allerdings sehr selten auf“, relativiert Professor Ulrich Voderholzer, Schlafmediziner von der Universität Freiburg, das Problem der ungewöhnlichen Nebenwirkung. Am häufigsten seien ältere Menschen betroffen. Offenbar legt das Mittel in Einzelfällen überwiegend hemmende Zentren des Gehirns „schlafen“. Das Ergebnis: eine Aktivierung.

Übersehene Raritäten

Dass derartige Phänomene in der vorklinischen Erprobung übersehen werden, sei dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit geschuldet und deshalb nicht zu verhindern, erklärt Professor Walter Müller, Direktor am Pharmakologischen Institut der Universität Frankfurt am Main: „An den üblichen Studien nehmen etwa 10 000 Personen teil. Da ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine Nebenwirkung auffällt, die statistisch nur alle 100 000 Fälle vorkommt.“

Nicht ganz so selten ist der verblüffende Nebeneffekt bestimmter Parkinson-Medikamente. Doch mussten in diesem Fall Patienten und Ärzte das Problem erst einmal als solches erkennen. Durch sogenannte Dopamin-Agonisten geht es manchen Kranken nämlich zu gut: Die aktivierende Wirkung des Arzneimittels führt bei ihnen zu besessenem Verhalten. Sie kennen keine Risiken mehr und beginnen zum Beispiel mit exzessivem Glücksspiel. „Darüber muss besser aufgeklärt werden“, sagt Dr. Horst Baas, Direktor der Neurologie am Klinikum Hanau. Dem Parkinson-Spezialisten sind immerhin zwei Fälle mit „ruinösen Folgen“ bekannt.

Um auch ungewöhnliche oder seltene Nebenwirkungen zu erfassen, ist in Deutschland das Prinzip der Pharmakovigilanz etabliert: Ärzte sollen auf neu zugelassene Medikamente ein besonderes Augenmerk haben und auftretende Probleme an Pharmareferenten melden. Gelegentlich erschließen sich aus unerwarteten Eigenschaften eines Präparats völlig neue Einsatzgebiete: Bei dem Blutdruckmedikament Minoxidil fiel auf, dass es zu unerwünschtem Haarwuchs führen kann. Heute wird es auch als Mittel gegen Haarausfall eingesetzt.

Bestimmte Antidepressiva verzögern den Orgasmus, daher eignen sie sich zur Therapie des vorzeitigen Samenergusses. Das Potenzmittel Sildenafil wurde ursprünglich als Medikament gegen Lungenhochdruck entwickelt. Noch im Erprobungsstadium erfreuten sich zahlreiche Studienteilnehmer wieder längst verlorener Manneskraft – der Rest ist Geschichte.

Umstrittene Koma-Studie

Auch das aktivierende Potenzial von Zolpidem wollen sich einige Mediziner nun spektakulär zunutze machen. Der Brite Ralf Clauss und sein südafrikanischer Kollege Wally Nel glauben, mit dem Schlafmittel Koma-Patienten aufwecken zu können. Bei fast hundert auf diese Weise behandelten Menschen wollen sie eine zumindest zeitweise Verbesserung des Bewusstseinszustandes festgestellt haben.

Die Fachwelt ist jedoch skeptisch. Es handele sich womöglich um eine vorausgegangene Fehldiagnose bei den „Erweckten“, also um Personen, die gar nicht wirklich im Koma gelegen waren, glaubt der britische Rehabilitations-Spezialist Professor Mike Barnes. Auch Walter Müller hat Bedenken: „Komatösen ein Schlafmittel zu geben ist für mich nicht nachvollziehbar und am ehesten noch ein Kunstfehler.“