Die Heilkraft des Wassers

Kalt oder heiß, Wickel oder Guss – rund 120 Formen von Wasseranwendungen unterstützen den Organismus bei der Genesung

Sabine Wilke schwört bei Schmerzen auf die heiße Rolle – ein fest zusammengerolltes Handtuch, in das langsam heißes Wasser fließt und das dann sanft über die betroffene Körperpartie gerollt wird. „Bei Schmerzpatienten“, erklärt die leitende Physiotherapeutin an der Klinik und Poliklinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation der Universität München, „hat sich die feuchte Hitze vielfach bewährt.“

Andere mögen es lieber eisgekühlt, dampfend oder mit großem Druck. „Wasser beeinflusst den Körper in allen Temperaturen und Aggregatzuständen“, erklärt Wilke. „Je nach Behandlungsziel muss ich nur die richtige Anwendungsform wählen.“

Keine leichte Aufgabe – immerhin gibt es rund 120 Wasseranwendungen: Teil-, Voll- und Wechselbäder, Güsse, Wickel und Abreibungen, Dampf- und Bewegungsbäder. Das alles von eiskalt bis beinahe kochend heiß und für die verschiedensten Körperregionen. „Mit dem Wasser werden Naturreize wie Wärme, Kälte und Druck übertragen, die den Körper zur Selbstregulation anregen“, erklärt Dr. Heinz Leuchtgens, Präsident des Kneippärztebundes.

Seit sich Sebastian Kneipp Mitte des 19. Jahrhunderts mit regelmäßigen Bädern im eiskalten Fluss von einer schweren Lungentuberkulose kurierte, ist die Hydrotherapie untrennbar mit dem Namen des Allgäuer Geistlichen verbunden.

Auf ihn geht ein Großteil der heute gebräuchlichen Wasseranwendungen zurück, mit denen Physiotherapeuten und Ärzte in Reha- und Kurkliniken gute Erfolge erzielen. Schmerz- und Rheumapatienten profitieren ebenso wie Menschen mit Kreislaufproblemen, Venenleiden, psychovegetativen Beschwerden und geschwächtem Immunsystem.

„Die Leute fragen oft, wie ein und dieselbe Methode bei niedrigem und erhöhtem Blutdruck helfen kann“, sagt Leuchtgens. „Wasseranwendungen trainieren die Fähigkeit des Körpers, den Blutdruck selbst wieder richtig einzustellen.“ Kaltreize bewirken, dass sich die Blutgefäße zusammenziehen. Bei der Anwendung warmen Wassers erweitern sich die Hautgefäße, und die Muskulatur wird stärker durchblutet. Der Wechsel zwischen warm und kalt aktiviert die Gefäßmuskulatur, sodass sich die Arterien besser öffnen und schließen.

Entlastung für die Gelenke

Solches Gefäßtraining kommt auch Patienten zugute, die zum Beispiel an entzündlichem Gelenkrheuma, Arthrose oder Rückenbeschwerden leiden.

„Gut durchblutete Muskeln können ein entzündetes Gelenk entlasten“, sagt Kneipp-Experte Leuchtgens. „Außerdem verbessert sich der Nährstofftransport in den Gelenkknorpel.“ Schmerzpatienten empfinden Kälte häufig als wohltuend: „Der Kältereiz überlagert das Schmerzempfinden“, erklärt Sabine Wilke.

Bei akuten Schmerzen und entzündlichen Prozessen empfiehlt die Physiotherapeutin eher Kälte, bei chronischen, degenerativen Beschwerden dagegen Wärme. „Verallgemeinern kann man das jedoch nicht“, betont sie. Therapeut und Patient müssen gemeinsam die beste Lösung finden.

Bei der Behandlung von Bewegungseinschränkungen und Gelenkversteifungen machen Physiotherapeuten sich eine weitere Eigenschaft des Wassers zunutze: „Durch die Auftriebskraft und die Wärme im Wasser“, erklärt Wilke, „können sich die Patienten leichter bewegen.“ Der Reibungswiderstand im Bewegungsbad eigne sich zudem gut für Kräftigungsübungen. „Und gegen den Wasserdruck anzuatmen“, sagt die Physiotherapeutin, „trainiert die Atmung.“

Auch bei Störungen des vegetativen Nervensystems lohnt sich ein Versuch mit dem erfrischenden Nass, etwa bei Nervosität, Schlafstörungen oder nervösen Verdauungsstörungen. „Wenn es gelingt, mit Kneipp-Anwendungen ein besseres Körpergefühl zu bekommen“, sagt Leuchtgens, „wirkt sich das günstig auf das vegetative Nervensystem aus.“

Auch das Immunsystem profitiert

Was Kneipp „Abhärtung“ nannte, lässt sich heute mit wissenschaftlichen Methoden erfassen. Eine Studie des Kompetenzzentrums für Naturheilverfahren der Universität Jena an Patienten mit chronischer Bronchitis ergab, dass regelmäßige Kaltwassergüsse die Häufigkeit der Infekte senkten und die Zahl der weißen Blutkörperchen um 13 Prozent erhöhten.